Innehalten und Lauschen

Jetzt ist die Zeit fürs Innehalten und nach innen Lauschen. Wie kann das gehen?
„…Ein geöffnetes Fenster kann bereits genügen. Oder auch eine Parkbank, noch besser: der Wald. Sich zur Ruhe kommen lassen. Den Brummkreisel der Worte stoppen, der unseren Geist in sich zwanghaftes Rotieren hineinreißt. Leidenschaftlich verstummen. Schweigen. Und jede gedankliche Assoziation, sobald sie sich einschleicht, sobald sie durch einen Riss in unser Gewahrsein einsickert, liebesnwert und gnadenlos zurückweisen.

Nichts tun, nichts stören. Sich treiben lassen.

Ich sitze auf einem Fels, lasse die Kälte durch die Dicke der Röcke ein. Das Knistern und Knacken, die Laute und Geräusche, der Duft der Erde durchdringen mich.

Aufgehobenheit – Schwebe. Schneidende Spitze. Lust zu schreien. Plötzlich Vollkommenheit – Erfüllung.

Wo wollte ich grade noch das Abenteuer suchern? Ich lausche nicht. Die Laute decken mich zu wie Moos und Flechten.

Ich schaue nicht. Die Äste und ihre Schatten wachsen in meinen offenen Augen.

Ich atme nicht. Gleichmäßige Atemzüge bewohnen und leben mich in ihrem Aus und Ein.

Ich wittere nicht. Die Gerüche wuchern mir ihr feines Wurzelgeflecht in den Bauch.

Abwesenheit und Schwebe. Und ganz da. Wo wollte ich grade noch das Abenteuer suchen?“

Auszug aus „Zeiten des Lebens“ von Christiane Singer, 1983

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